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Donnerstag, 09.08.1979
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Frank Recktenwald
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An der Katastrophe vorbei - Das Wunder von Thalexweiler

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Absturz 1979
"Die Maschine flog ziemlich tief. Plötzlich drehte sie sich zweimal um die eigene Achse. Die zwei Piloten katapultierten sich mit dem Schleudersitz heraus, die Maschine drehte sich trudelnd weiter, und es gab einen dumpfen Knall."

So schildert Erwin Wirschmann, 50, den Absturz der Phantom II F 4 in dicht besiedeltes Wohngebiet in Thalexweiler, den er während der Arbeit in seinem Garten in Dörsdorf beobachtete. Näher vor Ort war Klaus Fournier, Mitglied des Kreistages und der Verbandsversammlung des Rettungszweckverbandes Saar. Fournier, der etwa 200 Meter von der Absturzstelle weilte: "Ich hörte einen dumpfen Knall, dachte zunächst an ein Düsengewitter. Dann sah ich jedoch den dunklen Rauchpilz und die Flammen und verspürte eine starke Druck und Hitzewelle, die durch das Wiesengelände zog."

"Wir saßen gerade beim Kaffeetrinken, als wir den Knall hörten und die Zimmertür aus dem Rahmen flog. Wir rannten vors Haus und sahen überall kleine Feuer brennen", schildert ein anderer Einwohner der Straße "Zum Eisrech" in Thalexweiler seine Eindrücke.

Verärgert waren die Einwohner von Thalexweiler daß die den Unglücksjet begleitende zweite Phantom nach dem Absturz mit ohrenbetäubendem Lärm mehrere Male im Tiefflug über den Ort raste und damit die Bewohner weiter in Schrecken versetzte. Diese Phantom kreiste jedoch über Thalexweiler, um die Unglücksstelle für den erwarteten Rettungshubschrauber zu markieren.

Mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gefahren wurden auf Veranlassung von Dr. Paul Maria Birkenbach (46) und Helmut Herrmann (48), deren Haus Nr. 33 in der Straße "Zum Eisrech" mit am schwersten beschädigt wurde. Im Haus Nr. 33 lag ein Teil des Triebwerkes unmittelbar hinter der Eingangstür im Hausgang, ein anderer Teil lag vor dem Haus in der Ecke des Treppenaufstiegs. Das Haus selbst sah, wie die meisten in der Nachbarschaft, wie nach einem Bombeneinschlag aus.

Neben Ministerpräsident Werner Zeyer weilten am Donnerstagmorgen zahlreiche Landespolitiker am Absturzort, um sich über das Ausmaß der Schäden und mögliche Hilfeleistungen für die Betroffenen zu orientieren. Robert Wagner und Hans Groß (CDU) wollten nach den Ferien den Innenausschuß mit dem zunehmenden militärischen Flugbetrieb über dem Saarland befassen. Hans Georg Wagner (SPD) sagte jegliche Unterstützung seiner Fraktion auf diesem Gebiet zu. Angesprochen wurden von allen Landtagsabgeordneten auch der Absturz eines Phantom-Jagdbombers vor einem Jahr in Oberthal und die Tatsache, daß dort noch nicht alle Schäden reguliert seien.

Zur Schadenfeststellung wurde unter Leitung von Ministerialdirektor Gerhard Breit die bestehende Schadenfeststellungskommission des Innenministeriums eingesetzt. Wie der Vertreter des Innenministeriums betonte, arbeitet die die Kommission mit allen zuständigen Organisationen und Institutionen zusammen, darunter die Staatsanwaltschaft, für die Oberstaatsanwaltschaft weilte Willi Noss an der Absturzstelle, die Kriminalpolizei, die Schutzpolizei und Angehörige der US-Air-Force, die beispielsweise Soforthilfen zusagten. Bereits zwei Stunden nach der Katastrophe wurden die Betroffenen von Vertretern des Innenministeriums in der Thalexweiler Schule über Fragen der Schadensregulierung unterrichtet.

Groß war das Aufgebot von Beamten der Polizei. Insgesamt waren rund 200 Polizisten (Revier Lebach, Verkehrsabteilung, Bereitschaftspolizeiabteilung) sowie etwa 40 Angehörige der Kriminalpolizei im Einsatz. Wilhelm Botz, der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, die Leiter des Schutz- und Kriminalpolizeiamtes, Werner Gindorf, überzeugten sich davon, daß die Zusammenarbeit zwischen der Polizei, den freiwilligen Hilfsorganisationen, Angehörigen des Fallschirmjägerbataillons 261 und später der US-Streitkräfte reibungslos funktionierte.

65 Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 261 Lebach waren unter der Leitung von Major Volker Baer im Einsatz. Ihre Aufgabe lag zunächst darin, die Wrackteile zu sichern, bis die amerikanischen Soldaten mit der Bergung begannen. Die Soldaten beteiligten sich anschließend an den Aufräumungsarbeiten und dem Verladen von Möbeln, die aus den schwer beschädigten Häusern zu verwandten oder befreundeten Familien transportiert wurden.

Schnell unter Kontrolle hatte die Feuerwehr die Brände an den beiden Häusern. 32 Wehrmänner aus Lebach und 25 aus Eppelborn waren unter der Leitung des Lebacher Wehrführers, Hauptbrandmeister Egon Buchholz, im Einsatz. Nach den Löscharbeiten beteiligten sich die Wehrleute ebenfalls an den umfangreichen Aufräumarbeiten. Ebenfalls schnell zur Stelle waren zahlreiche Helfer des Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes, für die es jedoch glücklicherweise nicht all zuviel zu tun gab. Dr. Paul Birkenbach "Katastrophen-Experte" bestätigte eine gute Zusammenarbeit der einzelnen Hilfsorganisationen untereinander.

Die Aufräumarbeiten an den beschädigten Häusern dauerten bis kurz nach 17 Uhr an. Trotz unaufhörlich anhaltendem Regen konnten die Einsatzkommandos offene Dächer und Fenster bei den nicht zu stark in Mitleidenschaft gezogenen Häusern notdürftig mit Plastikplanen abdichten.

Mittlerweile hatte die Polizei, die nach wie vor mit der Bundeswehr das Gebiet abriegelte, fahrbare Lichtmasten aufgestellt. Bei eintretender Dunkelheit wurde das Gebiet ausgeleuchtet. Die Gebäude wurden darüber hinaus während der Nacht von der Polizei bewacht. Heute soll ein amerikanisches Spezialistenteam eintreffen, um die Wrackteile einzusammeln und so die Unfallursache zu ermitteln.

Geschädigte erhalten Ersatz

Die Regulierung der beim gestrigen Absturz der US-Phantom-Maschine aufgetretenen Schäden an Wohnhäusern und Inventar erfolgt auf zwei Ebenen.

Alle Schäden sind von den Betroffenen dem saarländischen Innenministerium, Abteilung B. Verteidigungslastenverwaltung, Bismarckstraße 19, in Saarbrücken oder der Gemeindeverwaltung zu melden. Unabhängig davon müssen sich alle Geschädigten - sofern sie eine Wohngebäude oder Hausratsversicherung abgeschlossen haben, sofort mit ihrem jeweiligen Versicherer in Verbindung setzten. Sowohl beim Innenministerium als auch beim Versicherer müssen die entstandenen Schäden in voller Höhe zur Regulierung angemeldet werden.

Nach Mitteilung des Verbandes der Sachversicherer (Köln) kann nach heutiger Rechtslage davon ausgegangen werden, daß alle Geschädigten einen hundertprozentigen Ersatz erhalten. Denn sowohl Wohngebäude- als auch Hausratsversicherung sehe Schadenersatz beim Absturz bemannter Flugzeuge hinsichtlich des Absturzes und der Folgeschäden durch Rauch und Ruß sowie Löscharbeiten vor.

Der saarländische Ministerpräsident Werner Zeyer ging gestern bei einem Besuch der Unfallstelle davon aus, daß die ersten Abschlagszahlungen für Reparaturarbeiten an den zum Teil erheblich in Mitleidenschaft gezogenen Häusern von den entsprechenden Stellen bereits in den nächsten Tagen getätigt werden.

Nach Mitteilung des saarländischen Innenministeriums wurden bis jetzt 70 Anträge auf Ersatz der durch den Absturz eines kanadischen Düsenflugzeuges am 18. August 1978 verursachten Schäden in Oberthal gestellt. Nach Abschluss der Schadensregulierung dieses Unfalls soll ein umfassender Bericht über diesen Fall vom Innenminister vorgelegt werden. U.R.

Quelle: Saarbrücker Zeitung